ein Film, Gedanken zur Peoplefotografie und mein Colorgrading-Workflow

Ich möchte Euch ein bisschen über Inspiration schreiben und als ich darüber nachgedacht habe, was mich fotografisch in den letzten Monaten besonders inspiriert hat, kam ich auf einen Film.

Ich gehe eigentlich nicht besonders oft ins Kino, aber vor ein paar Wochen fragte mich eine Freundin, ob ich nicht mit ihr „Ladybird“ ansehen möchte, der ist damals gerade angelaufen.

Ich habe nur zugesagt, weil ich Greta Gerwig als Regiesseurin ziemlich bewundere und Saoirse Ronan mitspielt, hatte aber keine allzu hohen Erwartungen, typische coming of age Thematik halt.

(C) by UNIVERSAL PICTURES, Saoirse Ronan „Ladybird“

Wir saßen also im Kino und schon nach den ersten Minuten dachte ich wider erwarten: wow.

Zwei Dinge sind mir sofort aufgefallen: 

1. der Film hat einen genialen Farblook, alles wirkt analog, warm, golden, einfach angenehm

2. die Story ist super. Ohne hier auf die Handlung und die Schauspieler einzugehen: es wird eine junge Frau gezeigt, die super authentisch ist, zwar auf der Suche, aber trotzdem stark in ihrer Persönlichkeit

Diese beiden Punkte haben mich auch nach dem Kino noch beschäftigt.

Dazu möchte ich kurz ausholen: wenn ich Instagram aufmache und mir die üblichen Trends unter den Fotografen ansehe, dann stelle ich fest (kritiklos und objektiv):

-Sex sells nach dem Motto „je weniger an, desto besser“

-gewollte Unnatürlichkeit: zum Beispiel nicht realistisch gegradete Hauttöne, erkennbares, extremes Dodge and Burn

-dramatische Posings

Diese Bilder holen mich einfach oft emotional nicht ab. Auch wenn sie fotografisch perfekt umgesetzt sind, sie bleiben für mich oberflächlich. Sie erzählen für mich keine Geschichten, sondern stellen nur einen gewissen Aspekt von Ästhetik dar.

AIMÈE, Juni 2018

Je mehr man Perfektion abbilden will, desto gestellter wirkt es. In „Ladybird“ ist die Protagonistin stark und authentisch trotz ihrer Schwächen und auch weil sie sie eben nicht perfekt ist. Dieser Film inspiriert mich, noch mehr darauf zu achten, die Menschen, die ich fotografiere, als starke, emotionale Persönlichkeiten darzustellen. Jedes Bild auch eine Geschichte erzählen zu lassen, die einen Einblick erlaubt und das Bild vor allem so von der Flut an Bildern abgrenzt, die alle stilistisch ähnlich und tausendfach gepostet sind.

Bei diesen Überlegungen geht es mir natürlich hauptsächlich um Portraitshootings. Aufträge, Werbung oder Sedcardshoots muss man natürlich so umsetzen, dass letztlich die gewünschte Story rübergebracht wird. Trotzdem: auch im klassischen Advertising geht die Bildsprache teilweise weg vom Hochglanzfoto. Siehe z.B. die social media-Kampagnen von ADIDAS, die teilweise natural light und sehr lifig fotografiert werden. Nima Elm, ein Fotograf aus London arbeitet beispielsweise komplett analog und hat einen wunderbaren Style, mit dem er inzwischen zahlreiche Werbekunden bedient.

Weil mich eben auch die Farben und der ganze Look von „Ladybird“ interessiert hat, habe ich am nächsten Tag gegoogelt und tatsächlich gibt es eine tolle Seite, auf der alles zur verwendeteten Technik erklärt wird (Klick hier). Ich dachte zuerst, der Film wäre vielleicht auf analoges Material gedreht worden. Er wurde aber digital aufgenommen und die Farben wurden entsprechend beim Grading angepasst. Bis hin zur durchgehenden Körnung und natürlich der Wahl vom Sonnenstand im Bezug auf die Lichtverhältnisse entsteht konsequent ein authentischer Look, den ich als visuell „angenehm“ bezeichnen würde. Eben weil er nicht überreizt oder zu dominant ist und trotz seiner Sichtbarkeit der Handlung an sich noch genügend Raum gibt.

Ich habe mich von diesem Look für eigene Presets inspirieren lassen und habe dazu seit langem mal wieder Lightroom verwendet. Bisher habe ich 90% in Photoshop gemacht, aber ich habe gemerkt, dass gerade für das Colouring Lightroom super ist, weil man alle Regler für die Farbkanäle in einer gut strukturierten Oberfläche und Anordnung hat. 

JANINA, Mai 2018

Photoshop verwende ich aktuell nur noch zur grundretusche der Haut, dann gehen die Bilder in Lightroom für einen finalen Bildlook.

Generell habe ich, als ich mit dem Fotografieren begonnen habe, sehr viel nachbearbeitet. Ich retuschiere auch jetzt noch jedes Bild, allerdings achte ich darauf, dass die Retusche nicht zu erkennen ist und nur unterstützt, nicht verändert. Gerade am Anfang dachte ich, wenn mir Photoshop die Möglichkeiten bietet, muss ich sie auch nutzen. Aber manchmal kann in der Entwicklung auch ein Schritt zurück gut sein, gerade wenn man die Möglichkeiten kennt, aber vielleicht doch gar nicht zu progressiv nutzen muss.

Natürlich hat zu diesen Überlegungen nicht einzig dieser Film geführt, aber trotzdem hat er mich zu einigem inspiriert: wie viel mehr an Story auf einem Bild rüberkommt, wenn man Menschen authentisch und emotional darstellt und wie viel Spaß es macht, Looks nachzubauen oder allgemein sich mit dem Colorgrading zu beschäftigen.